Guten Tag, Froschhausen! Heute gibt es etwas Besonderes: eine Sonderausgabe. Wir haben gestern in Kürze darüber berichtet, dass die Forellenzucht Burkard an der Rilkestraße in Seligenstadt schließt. Diese Meldung hat viele beschäftigt, und sie ist zu groß für drei Sätze zwischen zwei anderen Themen. Deshalb nehmen wir uns heute Zeit dafür. Wir schauen darauf, was dort verschwindet, was auf dem Gelände entstehen soll, und vor allem klären wir eine Verwechslung, die gerade die Runde macht und die einem anderen Betrieb schaden könnte. Und danach gehen wir weit zurück: zu der Frage, warum Seligenstadt überhaupt eine Fischerstadt ist, und zu einer Zunft, die seit fast fünfhundert Jahren besteht. Also, mach es dir bequem. Das hier dauert etwas länger als sonst.
Ein Betrieb schließtFangen wir mit dem an, was feststeht. Die Forellenzucht Burkard an der Rilkestraße achtunddreißig in Seligenstadt schließt. Berichtet hat darüber zuerst die Offenbach-Post, aufgegriffen wurde es dann am fünften und sechsten August von sellestadt Punkt de. Und jetzt kommt ein Satz, der uns wichtig ist: Warum der Betrieb schließt, steht in keiner einzigen Quelle, die uns vorliegt. Es gibt keine Erklärung, keine Begründung, keine Andeutung. Und deshalb spekulieren wir hier auch nicht darüber. Wir erzählen dir, was dort war, und wir sagen dir, was dort hinkommt. Alles andere wäre geraten, und geraten wird bei uns nicht.
Forellen, Saiblinge, BuchenholzWas gab es dort eigentlich? Der Betrieb hat Regenbogenforellen und Lachsforellen gezüchtet und verkauft, dazu Saiblinge und weitere Fischspezialitäten. Die Besonderheit war die eigene Räucherei: Die Forellen wurden täglich frisch über Buchenholz geräuchert. Nicht irgendwann vorher, nicht angeliefert, sondern jeden Tag frisch vor Ort. Geöffnet war montags bis freitags von halb neun bis halb eins und dann noch einmal von zwei bis halb sieben, samstags von halb neun bis eins. Mittwochs nur vormittags, sonntags zu. Wer im Rhein-Main-Gebiet frische Forellen suchte, für den war die Rilkestraße eine der guten Adressen. Diese Art Betrieb ist selten geworden: ein Ort, an dem der Fisch dort schwimmt, wo er auch verkauft wird.
Seit neunzehnhundertAuf der eigenen Website des Betriebs stand es kurz und klar: Forellenzucht Burkard, seit neunzehnhundert. Das ist die Zahl, mit der wir rechnen, denn sie kommt vom Betrieb selbst. Von neunzehnhundert bis heute sind das rund einhundertfünfundzwanzig Jahre. Kleine Randbemerkung, weil wir es transparent halten wollen: In der Presse kursieren zwei verschiedene Zahlen. Eine Schlagzeile sprach von einhundertzwanzig Jahren, eine andere von einhundertfünfundzwanzig. Wir halten uns an das Gründungsjahr, das ist die einzige harte Angabe. Und egal, wie man rechnet: Es sind mehr als hundert Jahre, in denen an dieser Stelle Fische aufgezogen wurden. Über vier Generationen hinweg, mindestens. Das ist eine lange Zeit für einen Familienbetrieb.
Wichtig: nicht verwechselnUnd jetzt bitte gut zuhören, denn dieser Punkt ist der wichtigste der ganzen Sendung. In Seligenstadt gibt es zwei Fischbetriebe, die Burkard heißen. Und nur einer von beiden schließt. Es schließt die Forellenzucht an der Rilkestraße. Es bleibt der Hofladen in der Mauergasse zwei, und es bleibt dessen Marktstand in der Kleinmarkthalle in Frankfurt, freitags und samstags von neun bis vierzehn Uhr geöffnet. Dieser zweite Betrieb hat keine Schließung angekündigt. Fisch wird dort in der Kleinmarkthalle übrigens verkauft, seit die Halle achtzehnhundertneunundsiebzig gebaut und neunzehnhundertvierundfünfzig wieder aufgebaut wurde. Wir sagen das so deutlich, weil eine Verwechslung hier echten Schaden anrichten würde: Wer denkt, alle Burkards machen zu, geht nicht mehr hin. Also merk dir einfach die Adressen. Rilkestraße: schließt. Mauergasse und Kleinmarkthalle: bleiben geöffnet.
Zwölf Wohnungen auf dem GeländeWas passiert nun mit dem Grundstück? Auf dem Gelände plant ein Seligenstädter Bauunternehmen zwei Mehrfamilienhäuser mit insgesamt zwölf Eigentumswohnungen. Die Preise liegen laut Bericht zwischen vierhunderttausend und achthunderttausend Euro. Man kann das aus zwei Richtungen betrachten, und beide stimmen: Auf der einen Seite verschwindet ein Stück Seligenstädter Alltagsgeschichte. Auf der anderen Seite entstehen zwölf Wohnungen in einer Zeit, in der Wohnraum im Rhein-Main-Gebiet knapp und teuer ist. Beides ist wahr. Es ist genau die Rechnung, die gerade in vielen Orten aufgemacht wird, wenn ein alter Betrieb aufhört und das Grundstück frei wird.
Warum Seligenstadt Fischer hatteJetzt machen wir einen großen Schritt zurück in der Zeit, denn Fisch und Seligenstadt, das ist eine sehr alte Geschichte. Im Mittelalter war die Fischerei nämlich kein freies Gewerbe. Sie war ein kaiserliches Recht. Der Kaiser gab dieses Recht an die Landesherren weiter, und die wiederum an einen Vogt oder an den Abt eines Klosters. In Seligenstadt lief das über die Abtei. Ein sogenanntes Weisthum aus den Jahren vierzehnhundertdreißig bis vierzehnhundertdreiunddreißig legte fest: Alle Fische im Main und in den Wasserbächen gehören der Abtei Seligenstadt. Die Äbte bestimmten sogar, wo gefischt werden durfte, nämlich von der Grasbrücke bei Stockstadt mainabwärts. Die Mönche beauftragten dann Fischer damit, die Arbeit zu machen. Und aus diesem Auftrag wurde über die Jahrhunderte ein Gewohnheitsrecht. So sind aus beauftragten Arbeitern die Fischerfamilien der Stadt geworden.
Die letzte Zunft der StadtDiese Fischer haben sich zusammengeschlossen. Fünfzehnhundertsechsundvierzig wurde die Fischerzunft Seligenstadt offiziell im Kerzenmeisterbuch eingetragen, und dieses Jahr steht bis heute im Namen. Tatsächlich ist sie aber noch älter: In Steuerlisten taucht sie schon fünfzehnhundertelf auf, und eine Urkunde von dreizehnhundertsechsundneunzig bezeugt sie sogar noch früher. Und jetzt kommt das Bemerkenswerte. Siebzehnhundertzweiundneunzig war die Fischerzunft eine von zwölf Zünften in Seligenstadt. Heute ist sie die einzige, die es noch gibt. Alle anderen Handwerkszünfte haben sich in der Industrialisierung aufgelöst. Allein die Fischergemeinschaft hat durchgehalten. Wenn du also das nächste Mal an der Zunft vorbeikommst: Das ist kein Verein wie jeder andere. Das ist der letzte Rest einer mittelalterlichen Stadtordnung, der es bis in unsere Zeit geschafft hat.
Vier Familien und ein alter NameInteressant ist auch, wer damals fischen durfte. Nur vier Familien bekamen langfristige Fischereirechte. Die älteste von ihnen ist die Familie Burkard, die bereits dreizehnhunderteinundneunzig erwähnt wird. Ein Peter Burkard war vierzehnhundertachtundneunzig sogar Viztum, also ein hoher Beamter. Die Familie Acker wurde von flämischen Mönchen nach Seligenstadt geholt. Und die Familie Beike, auch Beyke geschrieben, kam nach dem Dreißigjährigen Krieg aus Verviers. Eines müssen wir hier klarstellen, damit kein falscher Eindruck entsteht: Das ist Stadtgeschichte, nicht die Firmengeschichte des Betriebs an der Rilkestraße. Die Zucht dort wurde neunzehnhundert gegründet, und dabei bleibt es. Wir erzählen dir das, weil es zeigt, wie tief der Fischerberuf in dieser Stadt verwurzelt ist, nicht um zwei Dinge miteinander zu verkleben, die nicht zusammengehören.
Vom Main in die TeicheDie Fischerei war übrigens nie nur Fischfang. Die Zunft betrieb auch Schiffsverkehr nach Mainz und Frankfurt und übernahm Fährdienste, und zwar im offiziellen Auftrag des Klosters seit zwölfhundertneunundneunzig. Bis in die neunzehnhundertdreißiger Jahre zogen die Fischer donnerstags mit Schubkarren durch die Stadt und verkauften ihren Fang. Dann wurde es schwierig. Schon neunzehnhundertfünf forderte der Zunftvorstand Maßnahmen gegen fischereischädliche Abwässer. Später verursachten Papierfabriken, Industrieanlagen und Atomkraftwerke immer wieder Fischsterben. Die Zunft entschied sich in diesen Auseinandersetzungen bewusst für Verhandlung statt Klage, und das führte am Ende zu einem erfolgreichen Miteinander. Dazu kamen die beiden Weltkriege, die die Zahl der aktiven Fischer stark verringerten. Der Fisch kam irgendwann nicht mehr überwiegend aus dem Main, sondern aus Teichen. Genau da schließt sich der Kreis zu unserem Thema: Eine Forellenzucht ist das moderne Ende einer sehr alten Geschichte.
Was bleibtZum Schluss der Blick nach vorn. Die Fischerzunft gibt es weiterhin, und sie hat sich gewandelt. Nach dem Hessischen Fischereigesetz von neunzehnhundertneunzig müssen Fischer Hegepläne einreichen. Die Zunft kümmert sich heute um den ökologischen Zustand des Wassers, um den Erhalt ihrer verbrieften Rechte und um Naturschutz. Zweitausendneunzehn hat sie zum ersten Mal Frauen aufgenommen. Neunzehnhundertsechsundachtzig wurde der Waagstein restauriert, also der historische Ort, an dem die Fischer früher ihre Fische wogen und verkauften. Und beim Geleitsfest gibt es das Fischerstechen auf dem Main: Zwei Nachen, das sind traditionelle Boote, gesteuert von erfahrenen Fischern, fahren langsam aufeinander zu, und die Beteiligten versuchen, sich mit gut gepolsterten Lanzen ins Wasser zu befördern. Ein Betrieb an der Rilkestraße macht zu, ja. Aber die Geschichte, aus der er kommt, hört deshalb nicht auf.
Zum SchlussDas war unsere Sonderausgabe über die Forellenzucht an der Rilkestraße und über die Fischerstadt Seligenstadt. Alle Meldungen zum Nachlesen, alle Quellen und das vollständige Transkript findest du auf froschhausen Punkt info slash news. Und weil es so wichtig ist, sagen wir es zum Abschluss noch einmal: Der Hofladen in der Mauergasse und der Stand in der Kleinmarkthalle in Frankfurt bleiben geöffnet. Morgen früh geht es dann normal weiter mit deinen täglichen News. Diese Ausgabe wurde automatisch erstellt und mit meiner geklonten Stimme eingesprochen.